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Once was Conni Brintzinger




Herausgeber: Axel Heil
Künstler: Conni Brintzinger

Once was

Future Memories of a Past to Come

59 Seiten, Format: zweisprachige Ausgabe
deutsch-englisch, 
Erscheinungsjahr: 2013 | ISBN: 978-3-88423-435-8
erschienen bei Wunderhorn Verlag

Augenblicke des Sehens

Conni Brintzinger ist eine Wanderin auf der Suche nach Wahrnehmungsmomenten. Sie ist dem möglichen Bild auf der Spur – einem Moment des Sehens, den sie durch verschiedene bildnerische Verfahren erfahrbar macht. In ihren Bildern kombiniert sie Siebdruck, Collage, Fotografie und Malerei nach ganz eigenen Regeln, wodurch sie den Techniken ungewöhnliche Erscheinungsweisen abgewinnt und überraschende Bildoberflächen schafft. Brintzingers Werk ereignet sich in verdichteten Augenblicken. Tradierte Bildwelten, wie die Malerei der Romantik, aber auch computergenerierte Landschaften oder Fotos aus Modezeitschriften sind zwar Teil des Assoziationsraums, in dem sich die Bilder bewegen, aber sowohl formal wie auch inhaltlich, unterlaufen ihre Werke die damit verbundenen Erwartungshaltungen. Stets ist es der eigene Blick der Künstlerin, der Priorität hat. Ihre Faszination für die Gegenüberstellung und Verschmelzung realer und erfundener Welten, führte sie in den letzten Jahren immer wieder in den Schwarzwald, parallel machte sie sich aber auch in Berlin verstärkt auf die Suche danach. Die so gelegten Fährten nimmt der Text am Beispiel einiger Werke auf.


Romantik als ein Ausgangspunkt


Insbesondere in Brintzingers großformatigen Siebdruckarbeiten spielt der Wald als Motiv in viel-fältigen Variationen die Hauptrolle. Den romantischen Grundton des Sujets, greift die Künstlerin pointiert auf, durchbricht ihn zugleich und überführt ihn in eine zeit-genössische Romantik. Unzweifelhaft passt zu Brintzingers Waldbildern die Vorstellung einer „Waldeinsamkeit“ – ein Schlüsselbegriff der deutschen Romantik, der in Ludwig Tiecks Waldmärchen Der blonde Eckbert (1797) das erste Mal auftauchte. Zeitgleich begann auch die bildende Kunst sich dem Wald zuzuwenden, der in der europäischen Kunstgeschichte allerdings nicht zu einem eigenständigen Genre avancierte, sondern einen Teil innerhalb der Entwicklung der Landschaftsmalerei bildet. Beeinflusst durch literarische Texte, wie dem von Tieck, prägten vor allem die Gemälde Caspar David Friedrichs das Bild des deutschen Waldes: knorrige Eichen, dichte Nadelwälder, einsame Wanderer, heilige Ruinen und aufgestellte Kreuze wurden zu Versatzstücken einer neuen Art des Landschaftsbildes.

Mit Caspar hat Brintzinger eine treffende Hommage an Friedrich geschaffen, bei der das fotografische Abbild geschickt mit dem Medium der Malerei kokettiert.
In der Komposition an Friedrichs Gemälde angelehnt, wird der Blick durch ein sich öffnendes dunkles „Baum-fenster“ in die Ferne gelenkt. Unter einem blauen Sommerhimmel, den weiße Wolken durchziehen, ist die Rheinebene zu sehen. Was fehlt, ist die von Friedrich gerne verwendete Rückenfigur, die er in seinen Gemälden nicht als Staffage, sondern als Identifikationsfigur einsetzte. Sie sollte in die göttlichen Stimmungsbilder hineinführen, in denen der Natur ein metaphysisch-transzendenter Charakter anhaftet. Diese Rolle übernimmt nun der Blick der Künstlerin, der im Foto festgehalten, dem Betrachter den Weg in die „Seelenlandschaft“ eröffnet – denn ohne Frage ist die Natur auch für Brintzinger zugleich Spiegel und Resonanzraum menschlicher Empfindungen.

Winzige Bildpunkte

Bassbara ist ein monumentales Waldpanorama von drei Metern Breite. Der Titel steht für einen imaginären Sehnsuchtsort. Durchzogen von einer rätselhaften, filigranen Schönheit, spielt diese Waldbühne mit der Vorstellung an einen vergangenen, mythischen Ort, ohne ihn zu konkretisieren. Der Siebdruck, der auf schwarz lasiertem Holz mit Phosphorpigment entstand, überzieht die dunkel gehaltene Waldlandschaft mit einem leichten Grünschimmer, der den Betrachter im Dunkeln mit einem irisierenden Leuchten überrascht. Nur allzu gerne folgt der Blick dem sprudelnden Waldbach in seinem Lauf zwischen Felsen und Bäumen bis er sich in den ungeahnten Tiefen des Waldes verliert. Eine Irritation stellt sich erst dann ein, wenn man versucht die Bachläufe als Einheit zu sehen, die sich hinter dem zentral ins Bild gesetzten Baumstamm zu treffen scheinen. Dann wird deutlich, dass die Künstlerin zwei Bilder des Baches – aus unterschiedlichen Perspektiven aufgenommen – kombiniert hat. Was wir zu sehen glauben und was wir sehen, ist keineswegs deckungsgleich. Ihre Waldansichten fordern unsere Wahrnehmung heraus, indem sie es unmöglich machen, spontan zwischen Naturbild und artifizieller Setzung zu unterscheiden.




Die Entscheidung für ihre Bilder das Siebdruckverfahren zu nutzen, hat Brintzinger nicht getroffen, um von einzelnen Motiven Auflagen zu produzieren – jedes ihrer Werke ist ein Unikat –, sondern weil die Anwendung dieser Technik verbunden mit einem speziellen, sehr feinen Raster, ein ungewöhnliches Erscheinungsbild ermöglicht. Wie bei einem Kupferstich sind die Linien und Flächen aus einer Unzahl kleinster Punkte aufgebaut, die dem Bild, bei der Betrachtung aus der Ferne, eine nahezu greifbare Räumlichkeit verleihen. Dichtes Blattwerk, die Textur der Baumrinde, der zarte Bewuchs des Waldbodens, die Felsbrocken am Rande des Flusslaufes – das alles wirkt fast so real, als stünden wir beim Anblick von Bassbara selbst direkt im Wald. Je näher man dem Bild aber kommt, desto mehr zerfällt das Motiv in einzelne winzige Bildpunkte. Es ist als würden die den Siebdrucken zugrunde liegenden Fotografien in einzelne Bildpixel zerfallen; als erblickten wir den Mikrokosmos im Makrokosmos, eine molekulare Weltsicht, ein zwischen Entstehung und Vergehen pendelndes Bild. Aus dieser Perspektive wird deutlich: Was so malerisch wirkt, unterliegt eigentlich einem strengen Prozess von Konstruktion und Dekonstruktion, einem Prozess, der auch auf Entstehungs- und Verfallsprozesse in der Natur verweist. In das romantische Landschaftsmotiv schleicht sich bei Brintzinger ein prosaischer Unterton ein.

Waldstrukturen

Während häufig Ansichten des Waldes aus der Ferne visualisiert werden, rückt das Waldinnere seltener in den Mittelpunkt künstlerischer Auseinandersetzungen. Brintzingers Blick bleibt dagegen oft am Boden haften. Sie schaut gerne auf das Dickicht des Waldes, auf den unwirtlichen Teil, dem sie zum Beispiel in Sleepy Hollow eine nahezu gespenstische Ausstrahlung verleiht. Das verworrene Unterholz und die sanfte farbige Untermalung einiger Bildbereiche, vermitteln das Gefühl von einer Passage in eine andere Welt, in der es zu spuken scheint. Daneben gibt es Siebdrucke, in denen die Beschaffenheit des Holzgrundes so stark zum Vorschein kommt, dass sie zu einem strukturellen Bildelement wird. In Silver Wood (2009, S. XX) tritt die Holzmaserung in einen lebendigen Dialog mit den verschiedenen Bildebenen, die im Siebdruckverfahren von einer Fotografie einer Schneelandschaft erzeugt wurden. Das Bild der Baumstämme und die Maserung des schwarz lasierten Holzgrundes überlagern sich. Es scheint als blicke man durch einen abstrakten Schleier in den Winterwald, dessen Konturen dadurch weicher werden und zugleich zu pulsieren beginnen.


Figurinen und eine neue Tonart

Oft stellt Brintzinger den Wald als einen vom Menschen unberührten oder verlassenen Ort dar. In einigen der Waldbilder lassen sich aber – wie auf einer zweiten Bildebene – in das Blattwerk oder das Geäst verwobene menschliche Gestalten erkennen. Da gibt es zum Beispiel einen Knaben mit verträumtem Blick, den die Künstlerin aus einer Modezeitschrift in den Wald verpflanzt hat. Er gehört zur Serie der Ghosts von 2011 , in der Brintzinger mit Figuren von geisterhafter Präsenz auf die Vergänglichkeit und flüchtige Intensität des Augenblicks anspielt.
Stärker noch wird in Elegische Musik (2012) durch Collagierung von Staffagefiguren und Überlagerungen verschiedener fotografischer Vorlagen ein Spiel mit Seheindrücken des Davor, Dazwischen und Dahinter in einer Gleichzeitigkeit erzeugt, die sich realiter nicht erfassen lässt. Man fragt sich, wann die Zeit begann und wo der Raum endet. Ist das eine Welt hinter der Welt? Zusätzlich wird die Stille von bunten Farbspuren durchbrochen, die sich leuchtend von der schwarzweißen Szenerie abheben. Hier – wie auch bei Melodie für ein Pferd im Winter (2012) – wird dem Siebdruck mit Pinsel und Farbe eine malerische Partitur eingeschrieben, die das Bild um einen imaginären Klangraum erweitert.
Mit Once was (2012) ist Brintzinger eine schöne Intensivierung ihrer heterogenen bildnerischen Einflussnahmen gelungen, die immer auch ein Wagnis darstellen. Schließlich lässt sich das Ergebnis nicht hundertprozentig vorhersehen und ein aufwendig gemachter Siebdruck könnte zerstört werden. Aus der dichten Textur des Blattwerks treten atmosphärisch-flüchtige Bild-elemente hervor. Wir sehen die Konturen eines Frauenkopfes, ein Stück buntes Gefieder, koloriertes Blattwerk, ein aus-gerissenes Foto vom Gesicht eines jungen Mannes, das mit Kugelschreiber bemalt wurde – das auffälligste Element aber sind ausgerissene weiße Papierfetzen, die unter der Zeichnung von zwei Köpfen liegen. Once was ruft Assoziationen an Plakatwände wach, von denen Teile abgerissen wurden, sodass Vergangenes plötzlich wieder zum Vorschein kommt und disparate Elemente unvermittelt nebeneinander stehen. Brintzinger erzeugt so eine ureigene Bild-Welt, die ästhetisch fasziniert.

„Getaggte“ Fotografien

Für ihre Waldarbeiten reist die Künstlerin bereits seit mehreren Jahren immer wieder in den Süden von Deutschland, um auf ausgedehnten Wanderungen ausgewählte Orte – vor allem in entlegenen Regionen des Südschwarzwaldes oder in der Wutachschlucht – mit der Kamera langsam abzuschreiten und fotografisch zu kartieren. Inzwischen verfügt sei über ein großes Waldbilderarchiv, aus dem sie aber nur einige wenige Aufnahmen für ihre künstlerische Arbeit auswählt.
Im Gegensatz dazu, entstehen ihre aktuellen Collagen meistens in Berlin. Dabei tauchen Orte auf, wie der Landwehrkanal, ein Haus in der Harzerstraße – vor dem früher ein Wachposten an der Mauer war – oder ein Hochhausneubau am S-Bahnhof Friedrichstraße. Auch in diesem Fall gibt es nicht nur die sichtbaren Arbeiten, sondern ein fotografisches Archiv, das Brintzinger auf ihren Streifzügen durch die Stadt kontinuierlich füllt. Wie bei einigen der Siebruckvorlagen, fügt sie den Fotografien eine zusätzliche Ebene hinzu; als würde das eigene Werk mit einem Markierungspunkt versehen – ähnlich den Straßen-Tags von Sprayern, die ihr Revier markieren. Allerdings wird nicht in der Stadt selbst „getaggt“, sondern auf der abfotografierten Stadtlandschaft, vergleichbar mit digitalen Geo-Tags, die sowohl bei Fotos als auch bei Weblogs benutzt werden, um über deren geographische Position zu informieren.
Brintzingers Meta-Elemente bestehen hingegen aus analogen Medien wie Japanpapieren oder selbst angemalten Fotokopien und sind stets gefaltet. Wenn aus solch einem Papierobjekt wie bei Treptow (2012) zwei versteckte Augen funkeln, dann ist die Lust groß, das Papier auseinanderzufalten, um das vollständige Bild zu erhalten. Auch in dieser Serie gelingt es Brintzinger geschickt in den Bildraum einzugreifen: Mit improvisierten Bildspuren lenkt und fängt sie den Blick ein, nimmt visuelle Gewichtungen vor und setzt die Fremdartigkeit der erzeugten Kombinationen ein, um zu einem neuen, unerwarteten Augenblick des Sehens zu gelangen. Solche formalen Vorlieben, legen den Schluss nahe, dass es der Künstlerin neben der Wahl von Motiven, immer auch um das Erzeugen von einem Wahrnehmungsmodus geht. Brintzingers Blick auf ihre Umgebung, ob in der Natur oder der Stadt, impliziert die Beobachtung des eigenen Sehens und überführt diese in eine Poetik des Augenblicks.

Julia Gwendolyn Schneider