Tim Ernst

- rückwärts-
Eröffnung Donnerstag 7.Dezember um 19:00 Uhr

Etwas aus den nebelsatten
Lüften löste sich und wuchs
über Nacht als weißer Schatten
eng um Tanne, Baum und Buchs.

Und erglänzte wie das weiche
Weiße, das aus Wolken fällt,


und erlöste stumm in bleiche
Schönheit eine dunkle Welt.

-Gottfried Benn-

Ein mit Zucker gezogener Ritenkreis bedeckt den schwarzen Boden des showrooms.
Die Linien, die sich zart vom Boden abheben sind an wenigen Stellen zertreten.
Die Aussenmauer teilt den Kreis, so dass er sich erst im Freien vervollständigt. Im Zentrum
trohnt ein Tondo mit dem Titel “Entrance”. Auf dunklem Grund, von Blattwerk umgeben, verweisen
Tim aus “Tim und Struppi” und ein sich räkelnder weiblicher Akt auf ein Pentagramm. Mit güldenen
Metallspitzen durchbohrte Turnschuhe ragen aus den Zacken des Fünfsterns hervor.
Miniaturrähmchen, die nichts beherbergen, verdichten sich zu einer goldenen Spur,
der Aquatintaradierungen und Ölgemälde folgen.. Dem Betrachter entblättert sich eine Parallelwelt
aus dunklen Schattengestalten und weichgezeichneten Wesen. Es glotzt die “Chaosbraut” aus
hohlen Augen und gefundenem Fensterloch. Ein weiblicher Torso verwächst mit dem kühlen Laub
eines jüdischen Friedhofes. Eine niedergebäumte Frauenfigur schwebt lachs geätzt über einer
tröstlichen Landschaft. Ein in Malerei übertragenes Obduktionsfoto zeigt eine junge Frau scheinbar
schlafend. Ihr Oberkörper ist mit einer wüsten Y-förmigen Naht versehen. Eine
gewalttätige Berührung ist nicht sichtbar, sie liegt vom skulpturalen Rahmen geschützt.

Die Arbeiten des 1977 geborenen Tim Ernst sind eine skurrile Mischung aus Gefundenem
und durchkomponiertem Konstrukt. Aus der Erinnerung des Künstlers werden neue Bilderzählungen
komponiert. Sie wollen keine Wirklichkeit abbilden, auf eine logischen Erzählstruktur wird verzichtet.
Farben, Schatten und Proportionen der Bildfragmente werden zwar altmeisterlich mit dem Gesamtwerk
verschliffen, bleiben aber in ihrer Ursprünglichkeit erhalten. Was auf den ersten Blick einem romantischen
Gemälde verwandt scheint birgt eine surreale Ebene. Farben blähen sich psychedelisch auf, Schatten
nehmen den falschen Verlauf, Grössenverhältnisse strafen sich lügen. Dem Rezipienten wird Auslauf
gewährt. Es reizt die Lust des Spieles. . . So löst sich für fantasiewillige Traumgänger im hintersten Raum
das Rätsel der den showroom durchziehenden Spur. Dort findet sich “Ol’ Mama Frame”, ein
doppelmösenbestücktes Wesen aus klüngelnden Rahmenfragmenten, deren Kinder erst noch wachsen
und gedeien müssen um künftigen Bildern ein Zuhause zu geben.

Nicole Bianchet

 

--> weitere Bilder der Ausstellung

www.jette-rudolph.de

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